Hitzige Diskussionen

Man mag es kaum glauben, aber es ist wahr: Die Schweiz gehört neuerdings zu den Tropen. Das Thermometer steigt auf über 30 Grad, die Menschen rennen in die Badi und scharen sich um jeden freien Platz im Schatten. Währenddessen sitze ich an meinem Pult und höre zu, wie der Ventilator summt. Das ist ein bisschen überdramatisch, aber jedenfalls kommt es mir so vor, als würden alle das Wetter geniessen, während mich die Pflicht laut und auf sehr nervtötende Weise ruft. Ich fühle mich ausgeschlossen. Eine Runde Mitleid für mich.

Meine letzten Uniprüfungen stehen an, danach sollte das Masterdiplom eigentlich dann an meiner Wand hangen. Und ich werde glücklich und ich werde stolz sein. Im Moment braucht es aber eine ganz grosse Portion Überwindung, um einigermassen produktiv zu sein. Die Züge sind morgens mit Pendlern überfüllt, die zwar auch zur Arbeit müssen, doch look on the bright side: Irgendwann haben alle Arbeitenden Feierabend und können diesen im Freien geniessen. Das ist bei denen, die last minute den ganzen Stoff von hunderten Seiten Papier in den Kopf übertragen wollen, leider nicht der Fall. Ich schiele auf mein Smartphone und sehe Nachrichten von meinen lieben Freunden, die gerade Ferien haben. Sie beissen genüsslich in Wassermelonen, schlürfen kalte Cocktails, bräteln und grinsen mit dicken Sonnenbrillen in mein bleiches Gesicht, welches seit gefühlten Jahren die Sonne nicht mehr gespürt hat. Ich gönne es ihnen ja von Herzen, aber ich will auch dabei sein. Sie schreiben dann Sachen dazu wie: Es wäre toll, wenn du auch dabei wärst. Oder: Willst du nicht auch kommen? Natürlich will ich das. Aber wenn man die Pflichten so lange aufschiebt, bis es wirklich nicht mehr geht, dann muss man auch mit den Konsequenzen leben. Ich bin nämlich selber schuld, das gebe ich zu. Trotzdem ist es hart, nicht Teil dieser sonnigen Augenblicke sein zu können.  Sie meinen es nicht böse, doch ich leide. Aber meine Zeit wird kommen! Dann werde ich nämlich mit einem riesigen Lächeln im Gesicht Bilder schicken und sagen: Huhu, wollt ihr nicht auch irgendwo mit mir gemütlich chillen? Ah nein, tut mir Leid, habe ganz vergessen, dass ihr arbeiten müsst. Muhahaha (mit einem grossen Augenzwinkern, denn so bin ich natürlich nicht). … Aber irgendjemand wird dann hoffentlich schon frei haben, oder?

Von Erwartungen

Erwartungen sind Mauern, die wir selbst Stein für Stein aufbauen. Sie trennen einen von der Realität, sind aber teilweise so unüberwindbar und unerschütterlich, dass sie diese fast zu ersetzen vermögen. Die Meta-Ebene der Erwartungen: Zukünftige Enttäuschungen, die wir bis zu einem gewissen Grad selbst zu verschulden haben.

Das Phänomen des “overthinking” und ich gehen weit zurück. Meine Mam erzählt mir noch heute, wie die meisten Kinder in ihren Kinderwagen verträumt in die Welt hinausblickten und diese einfach so hinzunehmen schienen. Ich dagegen starrte Löcher in die Luft, fokussierte mich auf jedes Geräusch und war hyperaktiv. Ich würde zwar inzwischen sagen, dass ich durchaus ausgeglichen bin, aber meine Gedanken geben mir selten bis nie Ruhe. Ich bewundere die Menschen, die einfach abschalten können und es schaffen, ihre Gefühls- und Gedankenwelt fein säuberlich zu schubladisieren. Zu viel nachzudenken kann manchmal positive Aspekte haben: Mehr Empathie, das mentale Vorbereiten auf verschiedene mögliche Ausgänge einer Situation, vernetztes Denken. Aber andererseits ist es auch wahnsinnig anstrengend, vor allem wenn es zu Erwartungen führt.

Ich erwarte viel von meinen Mitmenschen. Ich erwarte Respekt und Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Selbsteinsicht und Rücksichtnahme. Aber manchmal geht es so weit, dass ich mir in den Kopf setze, wie eine Situation sein muss, um zu stimmen. Wie jemand, der mir nahesteht, reagieren sollte, doch eigentlich müsste. Aber wann müssen sie das schon? Wann haben sich meine Erwartungen denn jemals bewahrheitet, deckungsgleich? Eben. Das enttäuschende Resultat ist darauf zurückzuführen, dass ich meine Vorstellungen über die Zukunft stülpe und dann erstaunt bin, wenn es nicht so geschieht, wie ich es mir gewünscht hätte. Erwartungen werden eben wirklich oft zu enttäuschten Erwartungen. Deswegen versuche ich, diese zu tief wie möglich zu halten, um positiven Überraschungen Platz zu machen. Denn “anders” reagieren heisst nicht “falsch” reagieren, sondern einfach individuell zu reagieren. Wenn alle gleich denken würden wie wir, wäre das Leben viel weniger spannend, oder?

10 Dinge, die beweisen, dass du eher 30 als 20 bist

An dieser Schnittstelle zwischen 20 und 30 bin ich gerade, wobei ich mit der rechten Schulter an 26 anlehne. Ich bin näher an 30 als an 20, eine Tatsache, die mir immer wieder auffällt. Einige von euch haben diese Erlebnisse vielleicht noch vor euch, für andere sind sie möglicherweise bereits Alltag. Aber damn, ich hätte nie gedacht, dass sich die Hinweise täglich mehr verdichten würden. Hier also meine Liste von 10 Dingen, mit denen man sich identifizieren kann, wenn die 2 am Anfang des Alters immer weiter in die Ferne rückt.

1. Die Freuden des AlltagsIch habe vor einigen Wochen einen Spiralschneider bestellt, damit ich zu Hause gesunde Zoodles (Gemüse-Nudeln) machen kann. Und ich habe mich echt darauf gefreut und jeden Tag erwartungsvoll den Briefkasten geöffnet. Es geht um ein Kitchen Gadget. What is happening to me? HELP.

2. Die Sache mit der “Reife”: Wenn ich Konversationen von Teenies überhöre, muss ich oft innerlich schmunzeln (und vielleicht ab und zu die Augen rollen). Wenn sie mit vielleicht 15 oder höchstens 16 beklagen, dass sie niemand ernst nimmt, obwohl sie ihr Leben total im Griff haben. Natürlich, kenn ich. Ha. Ha. Ha.

3. Partytime: Ich gehe nach wie vor ab und zu gerne aus bis in die frühen Morgenstunden. Nur wird diese Definition von “spät” immer früher. Ausserdem dauert es bis etwa Mittwoch, bis ich mich vom letzten Samstag erholt habe.

4, Gutes Essen, muy importante: Als Kind gab es für mich nichts Schlimmeres, als wenn meine Eltern mich mit in ein Restaurant schleppten. Jetzt spitze ich meine Ohren, wenn meine Erzeuger davon reden, auswärts essen zu gehen. Darf ich mit?

5. Wein doch: Wenn ich ein Smirnoff oder Bacardi nur von weitem sehe, wird es mir schon schlecht. Während wir mit 18 die Tatsache feierten, dass wir nun diese ekelhaften Getränke legal kaufen durften, sitze ich jetzt lieber mit einem guten Glas Rotwein gemütlich auf dem Balkon und proste meinen Liebsten zu. Und ja, manchmal fühle ich mich ungemein erwachsen dabei.

6. Disneyfilme: Eigentlich Teeniefilme allgemein. Wenn ich darauf zurückblicke, gibt es doch befremdliche Momente. Zum Beispiel der Zeitpunkt, wo Arielle die kleine Meerjungfrau behauptet, mit 16 sei sie kein Kind mehr. Ich identifiziere mich inzwischen mehr mit den Eltern der Disneyfiguren als mit den Hauptcharakteren selbst. Oh Schreck.

7. Heirat und Babies, überall: Jedenfalls kommt es mir so vor. Langsam aber stetig baut sich ein gesellschaftlicher Druck auf, den ich gekonnt und überzeugt ignoriere. Nope, not ready. No thank you. Aber an Verlobungen und Hochzeiten von anderen  komme ich gerne, merci.

8. Studium vs. Arbeit: Für viele meiner Studienkollegen ist jetzt fertig lustig. Den Masterabschluss haben wir diesen Sommer in der Tasche, dann ist die Studienzeit offiziell beendet und der Ernst des Lebens fängt an. Ah, ups, das gilt für mich nicht, da ich noch ein Studium anhänge. Aber es ist eine Spezialisierung, über die ich zeitlebens froh sein werde. Den Blick auf das Bankkonto einfach sein lassen.

9. Weniger ist mehr: Noch vor 7 Jahren hatte ich so viele Freunde, von denen ich glaubte, ich könnte den Kontakt behalten. Je älter man wird, desto weniger Zeit ist da. Für 20 “enge Freunde” bleibt da einfach kein Platz. Obwohl ich den verlängerten Arm meines engsten Freundeskreises nach wie vor sehr schätze und unsere gemeinsamen Abende geniesse, habe ich kein schlechtes Gewissen deswegen mehr. Es geht ja allen gleich.

10. Das Phantom des Samstagabends: Es ist zwar nach wie vor selten, aber es ist ein paar Mal vorgekommen. Es ist Samstagabend, ich besuche meine Eltern übers Wochenende. Es geht gegen 20:00 zu. Meine Mam sieht mich an, als wäre ich ein Phantom: “Du bist noch da? Gehst du nicht irgendwo hin?” Meistens heisst die Antwort: Doch doch. Aber jetzt bin ich manchmal am Punkt angelangt, wo ich sage: Nein, heute will ich einfach nur zu Hause sein. Zeit für ein kollektives “Jööö”.

 

Ein offener Brief an die Nachbarn, die ich nicht vermissen werde

Randnotiz: Das ist ganz klar ein Mimimi-Post, aber mit einer Prise Humor. Ich bin nämlich echt kein Wutmensch, wisst ihr. . Wenn ich einer wäre, würde ich es offen zugeben. Aber in diesem Eintrag will ich alles rauslassen, als eine Art Selbsttherapie. Denn meine positiven Vibes gehen echt flöten, wenn ich an meine Nachbarn denke, jedenfalls an einen Teil davon. Das Wunderbare an Duplex-Wohnungen: 4 Nachbarn statt 2. Judihui. Deswegen hier ein öffentlicher Aufschrei, der diejenigen internen Schreie widerspiegelt, die ihr regelmässig in mir auslöst. 

Hallo zusammen.

Ich würde euch ja siezen, aber ganz ehrlich, wir sind ja alle in einem ähnlichen Alter. Ü20, jedenfalls physisch. Ihr seid nicht alle schlimm. Der Typ rechts von uns ist sogar echt nett und echt leise.  Aber eigentlich finde ich ein bisschen Lärm auch nicht weiter tragisch. Wir haben regelmässig Besuch, wir hören auch Musik, wir lachen ab und zu etwas zu laut. Das ist alles ganz normal. Unsere Wohnung ist auch ringhörig, das muss ich zugeben. Aber es gibt da ein paar Dinge, die ich loswerden will, bevor ich ausziehe.

Ich will nicht alles über euer Leben wissen, merci. 

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ihr nicht wollt, dass wir alles von euch wissen. Es ist aber so. Ich weiss, dass der Teenager oben links nie die Wäsche macht, weil die Mutter sich lautstark über die “Tängus” (ich verstehe den Sinn dieser Abkürzung übrigens nicht – die Anzahl Buchstaben in “Tangas” ist identisch, aber okay) beschwert. Das wäre ja noch auszuhalten. Was ich aber wirklich nicht wissen muss, ist wie oft du, liebe Nachbarin unten links, von deinem Freund betrogen wurdest. Deine Wutanfälle und deine piepsige Stimme, die “Ich will doch einfach, dass du einmal freiwillig bei mir bleibst”, helfen da auch nicht weiter. Ein notorischer Betrüger wird auch ein solcher bleiben, wenn du es ihm 18 Mal verziehen – aber eben eigentlich ja doch nicht, sind wir ehrlich – hast. Meine Mitbewohnerin und ich sitzen manchmal auf dem Sofa, essen Popcorn und trinken ein Eve, während wir der Live-Telenovela nebenan zuhören. Wenn du aber dann Dinge durch die Gegend wirfst, wird es etwas ungemütlich. Deswegen schreie ich manchmal auch rüber, ihr sollt euch endlich trennen, euch und auch uns zuliebe. Ist nur ein gutgemeinte Ratschlag, weisst du.

Ich will auch nicht von euren Gesangskünsten profitieren, merci. 

Die Bäumliumarmer und Goa-Festival-Besucher oben rechts sind vielleicht friedfertiger, aber das kollektive Singen von “Kumbaya My Lord” geht echt zu weit, vor allem wenn es am Sonntag Morgen um 7:30 stattfindet. Ausserdem bin ich davon überzeugt, dass ihr eigentlich gar nicht redet, sondern immer singt. Das Leben ist aber kein Musical, jedenfalls möchte ich nicht unbedingt Teil davon sein. Das ist so ein bisschen creepy, wenn Leute aus dem Nichts in Gesang ausbrechen. Oben ohne den Gang entlang zu spazieren und dabei Gitarre zu spielen ist zwar auch ein bisschen schräg, aber hey, wenn es euch guttut – nur zu.

Tote Blätter sind keine Deko, merci. 

Wenigstens stehen wir dazu, dass unsere Tür komplett lieblos ist. Dafür sind wir sonst ziemlich freundlich: Wir halten die Lifttür für andere auf, helfen älteren Frauen beim Tragen von Einkaufstaschen und grüssen immer. Ihr klebt verdorrende Blätter an die Tür und schreibt dazu auf dem gelblichen Klebeband “Willkommen”. Daneben eine Handvoll Kastanien, die irgendwie einen Kreis darstellen sollen. Ich ging deswegen automatisch davon aus, dass ihr auf der grünen Schiene seid. Wir akzeptieren eure minder attraktive Deko, aber dafür könntet ihr wenigstens etwas Rücksicht auf eure Umwelt nehmen.  Mimimi.

Ich fühle mich befreit und gelassen. Bis nächsten Sonntag, um 7:30. Damn, ich werde euch echt nicht vermissen. 

 

 

Das Gesetz der Anziehung

An erster Stelle muss ich hier betonen, dass ich keine Expertin in Sachen Spiritualität bin, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Inwiefern meine Behauptungen einer anerkannten These entsprechen oder widersprechen, weiss ich nicht. Ich dümple ab und an in solchen Themen, die mich interessieren. Aber bei aller Liebe bin ich weder Energietherapeutin noch behaupte ich, eine allumfassende Wahrheit zu besitzen. Aber um genau sollte es doch bei solchen Dingen gehen: Etwas zu finden, das irgendwie Sinn macht; die Realität widerspiegelt, aber trotzdem in einem anderen Licht darstellt.

Grundsätzlich kann ich ohne zu zögern behaupten, dass ich ein positiver Mensch bin. Das liegt einerseits daran, dass ich in vielen Dingen in meinem Leben bisher Glück hatte. Es ist einfacher, positiv zu sein, wenn einem weniger Steine in den Weg gelegt werden. Trotzdem finde ich aber, dass Einstellungen eine bewusste Wahl sind. Es sind Veränderungen im Leben, die man sich bewusst vornehmen kann. Ich habe mich quasi dazu konditioniert, das Gute zu sehen – denn damit lebt es sich leichter und farbiger. Sich unnötig über Dinge aufzuregen, die man sowieso nicht ändern kann, sind ein Paradebeispiel dafür, wie eine Situation durch die eigene Vorstellungskraft nur noch schlimmer wird. Ab und zu muss man einfach die Schultern zucken und das Leben so hinnehmen, wie es halt eben gerade ist. Die Energie lässt sich definitiv besser einsetzen, das verspreche ich.

Deswegen umgebe ich mich auch bewusst mit Menschen, die mein Leben mit positiver Energie bereichern. Natürlich hat jeder Probleme und darüber sollte man auch sprechen. Aber es geht um den grundsätzlichen Vibe, die diese Person abgibt. Ihre Sicht auf die Welt, die nicht nur aus Schattenseiten und potentiellen emotionalen Erdrutschen besteht. Wer sich mit Negativität umgibt, wird auch eher Negatives anziehen, davon bin ich überzeugt. Wenn man es sich angewöhnt, das Schlechte zu sehen, wird einem auch immer zuerst das Problembehaftete auffallen. Das hat nichts mit Bäumen umarmen und Dachet-Kerzen zu tun, sondern bis zu einem gewissen Grad mit nackter Logik. Jedenfalls ist es das, was für mich the “Law of Attraction” ausmacht: Diese innere Ausgeglichenheit gepaart mit der Wahl, von einer Bandbreite an Eindrücken sich auf das zu konzentrieren, was einem schlicht selbst am besten tut. Wer Positives ausstrahlt, wird auch schnell merken, wie viele schöne Facetten die Welt zu bieten hat. Dafür müssen wir nur die Augen richtig öffnen.